Social. Media…

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Pfingstmontag. Ich sitze auf dem Balkon im 4ten Stock. Wundere mich, dass die Menschen auf der Straße heute so still sind.  Was man von meinem Kopf nicht behaupten kann. In meinem Gehirn ist immer was los. Und momentan wird mir das oft Zuviel. Wir stecken mitten in Corona. Und eigentlich war mein Plan mit der unverhofft gewonnenen Freizeit auch ein wenig Ruhe in meinen Kopf zu bekommen.

Vermutlich hatte ich denselben Plan, wie viele andere Menschen. Der Plan war längst Aufgeschobenes zu erledigen und Neues anzupacken. Aktiv am eigenen Leben basteln. Dankbar die Zeit zu nutzen.

Ich habe angefangen auszumisten. Es gab leider nicht so viel auszumisten, da ich die letzten 12 Jahre fünf Mal umgezogen bin. Also war dieses Projekt weit weniger interessant für mich, als für die meisten Nachbarn, die immer noch in der Sperrmüllwarteschlange stehen. Nach Schuhe putzen, Masken nähen und einigen angefangenen neuen Projekten habe ich immer noch nicht den Zen-Status erreicht. Ich habe es mit Meditation versucht. Fehlanzeige. Immer noch nicht die erhoffte Ruhe im Oberstübchen. Noch immer nicht der Fokus, den ich mir so sehr wünsche wiederzuerlangen.

Ich gehe in Gedanken ca 12 Jahre zurück. 2008 , ganz schön lange her. Ich war Mitte Zwanzig. Ich war bei weitem fokussierter als jetzt. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Heutzutage bin ich oft unkonzentriert. Am einen Tag möchte ich dies, am nächsten das. Nichts scheint richtig zu passen. Was hat sich in diesen Jahren verändert?

Vor 12 Jahren habe ich mir gar nicht die Gedanken um meine Ziele gemacht. Ich hatte Freude an dem was ich tue. Ich habe mich nicht ständig verglichen mit andern. Nein ich wollte einfach in meinem Wissen wachsen. Und ja, das Erlernen war anstrengend, zeitraubend, aber ich wollte auf meinem Gebiet einfach gut sein. Und war stolz darauf.

Ich hatte nur ein Projekt. Und das war genug.

Heutzutage hat man das Gefühl auf allen Gebieten top sein zu müssen. Und ich habe nichtmal Kinder. Für Eltern ist der Druck vermutlich noch viel enormer geworden.

Also nochmal. Was war vor 10-12 Jahren denn anders?

Ich krame in meinen Erinnerungen und stoße auf Etwas, was einen riesigen Unterschied zum heutigen Alltag ausmacht:

Ich habe keine „Soziale“ Medien genutzt.

Keine Ahnung ob Facebook oder whats app überhaupt schon auf dem Markt waren. Spielt auch keine Rolle, denn ich hatte es nicht. Ich habe das Handy nur zum Telefonieren und um Nachrichten zu schreiben genutzt. Für Emails ging ich in´s Internetcafé. Ich hatte diesen Besuch zelebriert. Mir dort einen leckeren Cappuccino bestellt und unendlich lange Mails gelesen und geschrieben. Ab und an habe ich auch mal etwas ausgedruckt.

Macht das den Unterschied? Macht uns das ganze Handy Geglotze wirr im Kopf? Was wäre wenn das Handy wie vor 12 Jahren genutzt wird? Nicht umsonst gibt es schon den Begriff Handy-Detox.

Ist das Handy Gift für uns? Wie Nikotin, Alkohol, schlechtes Essen? Ein bisschen davon macht nichts, aber wenn es Zuviel wird, wird es gefährlich?

Ich reflektiere den Umgang mit meinem Smartphone: Morgends nehme ich bewusst das Handy nicht in die Hand. Manchmal wandert es dann doch ganz unbewusst dahin…Ich will nur sehen, ob mir wer eine Nachricht geschrieben hat. Und schon hat es mich . Ich bin im Strudel der Bilder, Kommentare, Kommentare von Kommentaren, auf Profilen von Leuten die ich gar nicht kenne. Und dabei verschwimmt meine Umwelt. Ich lebe in diesen Momenten mit meinen Gedanken in diesem kleinen Kasten.

Habt Ihr das vielleicht auch schonmal an Euch selbst beobachtet: wenn ich irgendwo alleine sitzt nehme ich häufig das Handy in die Hand um so zu wirken als hätte ich was zu tun. Als wäre ich doch nicht alleine dort. Das ist so furchtbar. Was habe ich denn vor 12 Jahren in solchen Situationen gemacht?

Ich hatte diese wertvollen Zeiten des irgendwo alleine seins sinnvoll genutzt und auch geplant. Zeitung gelesen, ein gutes Buch dabei gehabt, bei dem mich der Inhalt interessiert hat. Ich hatte einen Skizzenblock, Bleistift und Radierer dabei um meiner Leidenschaft dem Zeichnen nachzugehen. Wenn ich nichts dabei hatte, habe ich die Umgebung beobachtet, meinen Kaffee genossen oder mit anderen gesprochen. Ich war offener. Es war immer vollkommen ok alleine zu sein.

Heutzutage versteckt man diese Zeit in seinem Smartphone. Zum Glück gibt es Apps für mehr Efektivität…Ich komme mir ziemlich albern vor. Zeugs anschauend, was mich nicht die Bohne interessiert, mir nur meine kostbare Zeit verschlingt. Was soll das? Klar verliere ich so den Fokus irgendwo im WWW. Den Kopf vollgestopft mit Bildern die unnötig Platz wegnehmen.

Wir vergleichen uns ständig mit den zigmal gefilterten Fotos auf Instagram, Facebook und Co. Die top eingerichtete, immer aufgeräumte Wohnung. Menschen die immer super gestilt sind, umgeben von tausenden Fans, Follower, Freunden. Mit den angesagtesten neuesten Klamotten, Fahrrädern, Haarfarben, Hausschuhen, Hunden was weiß ich noch. Und wir mitten drin. Immer bestrebt auch den besten Filter für unsere Fotos zu finden. Wie irreal.

Schauen wir einen Film, dann wissen wir dass Schauspieler Schau-Spieler sind. Das eine Szene einstudiert wird. Das Stunds, Stunds sind und die Stundmans weich landen. Das es extra eine Maske gibt, damit die Schauspieler der Szene entsprechend geschminkt werden können. Wir wissen das.

Bei Instagram, Facebook und Co haben wir all das vergessen. Wir denken tatsächlich, das alles Realität ist. Und vergleichen uns. Was für ein Schmarrn. Klar kommt da unser Gleich-Gewicht in ein Un-Gleichgewicht.

Das ist die Erkenntnis meiner Auszeit:

Ich möchte wieder zurück. In meinen Fokus. Ich möchte wieder zurück in die Wirklichkeit.

Weniger Smart-Phone.Mehr ich.

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